Die Symbiose der Reitsysteme

Die Geschichte der Reitkunst, zumindest jene die in Form von Büchern und Schriften dokumentiert wurde, währt nun schon seit mehr als 2.400 Jahren. Angefangen bei Xenophon, 400 Jahre vor Christus, finden wir die ersten, auch heute noch wichtigen und teils sogar in aktuelle Reitbücher übertragenen Anweisungen, wie Pferde für die Reiterei ausgebildet und anschließend “bewegt” werden sollten. Viele der Reitmeister sind uns auch heute noch ein Begriff und nicht wenige von Ihnen zitieren sich gegenseitig und haben Lob, manchmal aber auch Kritik füreinander übrig.

Die Reitgeschichte hält also einen vielfältigen Schatz an Wissen bereit, hinterlassen aus einer Zeit, die sich von der heutigen Realität enorm unterscheidet: Diese Menschen waren auf das Pferd angewiesen in einer Form, wie wir es uns heute nicht annähernd mehr vorstellen können. Die Pferde waren Arbeitsgerät, Transportmittel, Kampfgefährte, Statussymbol und Partner zur Ausübung akademischer Kunstform (Reitkunst in Form der hohen Schule).

Man muss diesen Reitmeistern zugestehen, dass sie “vom Fach” waren – und auch wenn uns heute im Bereich der klinischen Medizin, bildgebenden Verfahren und medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten mehr “Wissenschaft” zur Verfügung zu stehen “scheint”, so müssen wir leider zugeben – gehört das Pferd als Reittier zwar für viele von uns zum Leben – wir sind aber nicht mehr so abhängig von ihnen, wie all unsere Vorfahren der letzten 2.350 Jahre.

Natürlich hatte jeder Reitmeister seine eigenen Vorstellungen davon, was richtig, richtiger oder was falsch ist, in Bezug auf die Ausbildung und Ausübung der Reiterei und so mag es nicht verwundern, dass in jedem Buch sich sinnvolle, als auch unsinnige Anweisungen finden.

Eine nicht enden wollende Diskussion kann man über diese Inhalte führen – damals wie heute stellt sich die Frage – “wer hat Recht?”, welcher Reitmeister hinterlässt die “richtigen” Anweisungen und welche gilt es zu hinterfragen?

Die leidenschaftliche Diskussion über das “Wie” und “Warum” gehört seit jeher zur Reiterei und heute wird sie “kampfeslustiger” in die sozialen Medien getragen.

Was verwundert, ist jedoch die “sektenhafte” Anhängerschaft, die sich heutzutage bildet. Da wird nicht die Reiterei in seiner Gesamtheit diskutiert, sondern es gibt “Vorschriften” wie zu Reiten sei, es werden Franchise Systeme entwickelt, ja sogar Schulen der “irgendwas” unter Markenschutz gestellt. Nicht wenige reduzieren 2.400 Jahre Wissen, aus unzähligen Büchern auf “die einzig wahre Lehre”. Kaum eine Diskussion ist möglich, über die Vielfalt der Reitkunst, denn jeder Versuch endet im Kampf der Systeme.

Ein Beispiel ist hier der aufgebaute “Mikrokosmos” der Sportreiterei, die ihren Stempel wie kaum eine andere “Organisation” dem “Reitwissen” aufgedrückt hat. Eine weltweite Massenbewegung reduziert sich auf den schriftlichen Nachlass der Heeresdienstvorschrift 12, kurz HDV 12, der Reitvorschrift für die Kavallerie der deutschen Weltkriegsarmeen. Der inhatliche Wert dieser “einen” Schrift von vielen soll, an dieser Stelle völlig wertfrei bleiben.

Man weist von offizieller Seite nicht ungerne darauf hin, “die beste Reitlehre, für alle Pferde” zu haben und natürlich – ein Blick über den Tellerrand wird zwar gewährt, aber nur um auch jenseits dieses Tellers die Westernreiterei oder die Barockreiterei möglichst sehr nah “unter” das eigene Regelwerk “einzugrenzen”. Daraus entstehen dann neue “Richtlinien” für Westernreiterei oder das Barockreiten.

Dabei sei dennoch natürlich nicht unerwähnt, dass wir die “Bewahrung” des Reittiers Pferd für die “Breite Masse” natürlich schon dieser gut funktionierenden “Organisation” zu verdanken haben, aus der viele Vereine, Konzepte entstanden sind, die es heute nahezu Jedermann erlaubt ein Pferd zu reiten und für viele daraus resultierend ermöglicht hat, ein Pferd zu besitzen. Der Reitsport ist ein Massenmarkt geworden, in dem viele gutes Geld verdienen und “Konsumenten” Millionen ausgeben.

Als nicht in Frage zu stellendes “Parteibuch” der Sportreiterei wurde die für preussische und deutsche Soldaten entwickelte HDV 12. Ein Ausbildungslehrbuch in “Kompaktform”, das sinnvollerweise in typischer Militärmanier keinen Raum für freie Gedanken lässt, sondern eben als unmittelbare und nicht zuwiderhandelnde “Vorschrift” zu verstehen ist. Ohne den Inhalt wie bereits zuvor erwähnt nun “werten” zu wollen, stellt sich jedoch die Frage – müssen wir dem Kadavergehorsam der preussischen Soldaten nacheifern und unseren reiterlichen Horizont auf wenige Seiten “Kurzzusammenfassung” reduzieren? Schlimmer noch – muss ist die “Erziehung” zur vollkommenen Abhängigkeit und “Gehorsam” gegenüber den “Vorschriften” überhaupt zeitgemäß?

Die Gefolgschaft der sich bildenden “Läger der Reitweisen” wird von offizieller Seite der Sportreiterei aufgeteilt in das eigene Lager, der “klassisch nach der reinen Lehre” reitenden und die Läger der “Alternativen Reitweisen” und, um möglichst jemanden noch komplett auszugrenzen den “Freizeitreitern”, eine leider nicht selten abwertend gemeinte Begrifflichkeit.

Was wenn man aber aus diesem System austritt, oder sich dort nicht mehr wohl fühlt?

Wandert man ab, vom sicheren Schoß der “reinen Lehre” hat man, als heutiger Reiter, die Qual der Wahl der Reitsysteme, wie niemals in 2.400 Jahren zuvor.

Obwohl wir weniger Reiten, weniger auf das Pferd angewiesen sind, gibt es mehr “Richtige Lehren” als jemals zuvor – oder doch nicht?

Man kann klassisch Reiten, spanisch, klassisch iberisch, akademisch, Western reiten oder neuerdings “Worker” werden oder sein Reiten sonst irgendwie nach “Feng Shui” ausrichten. Für jeden Geschmack gibt es einen Tempel mit einer Sekte, so hat es den Anschein.

Wie mit den meisten “Sekten” ist es leider auch mit den Reitsystemen – entweder du machst mit, nach den Regeln der Sekte – oder du gehörst nicht dazu. Es gibt jene die bleiben dabei – egal wie schlecht die Sekte einem mitspielt – oder man verlässt den sicheren Kreis des totalitären Systems.

Die Gründe sind meist sehr offensichtlich: Entweder man kommt nicht weiter mit dem Reiten oder schlimmer noch, Reiter und Pferd sind “gescheitert” am System. Die Reiter meist nervlich, die Pferde meist gesundheitlich.

Zeit also für eine andere Sekte, einen anderen Guru, einen anderen Verein. Das neue Lager nimmt einen dann, mit offenen Armen in Empfang, schleppt den neuen Jünger zum eigenen, allerheiligsten Buch mit sieben Siegeln -> der einzig wahre Lehre(!) und schon ist man gefangen, im neuen System. Vor allem weiß man von nun an, was “die anderen” alles falsch machen und selbst kann man sich neu positionieren, denn am Anfang im neuen System muss ja “gottseidank” noch nicht alles sofort gut sein, man lernt ja noch. Ein herrliches Gefühl der Geborgenheit, denn endlich ist man “auf dem richtigen Weg”, man gehört DAZU und kann verächtlich auf die “anderen” schauen.

Manchmal erweist sich dieser Schritt als “Besserung”, doch manchmal kommt man auch vom Regen in die Traufe – aber kein Problem, denn beim nächsten Pferd und bei der nächsten Reitlehre wird alles besser, denn es gibt ja noch ein paar “einzig wahre Lehren”.

Im Sinne der Pferde frage ich mich – kann Reiten bei der Vielfalt der Menschen, bei der Vielfalt der Pferderassen und Einsatzzwecken der Pferde überhaupt in so enge “Vorschriften” gepresst werden, dass es den einzig wahren Weg gibt? Kann man all das Wissen aus 2.400 Jahren auf 90 Seiten DinA6 komprimieren? Dazu frage ich mich, glauben wir wirklich wir müssen uns “diktieren” lassen welchen Weg wir gehen dürfen?

Allen Reitern die nun NICHT vor Wut kochen, weil ich “ihre einzig wahre Lehre” in Frage gestellt habe, jenen die man als “denkende Reiter” bezeichnet, möchte ich Mut machen: “ihr müsst gar nichts”, außer auf Euer Pferd und dessen Gesundheit zu hören, denn niemand, außer eurem Pferd, sollte der Richter über richtig oder falsch sein müssen.

Erlaubt Euch selbst ausdrücklich Euch aus den Zwängen der eigenen “reinen Lehre” zu befreien und Euch auf den Weg der “Symbiose der Reitsysteme” zu begeben. Auf den Weg all jener die das Reiten selbst, den Weg als das Ziel sahen. Jene die das Reiten und die Erkenntnisse darum, als ständig Suchende beschritten haben und sich nie mit einem Weg zufrieden gegeben haben. Jene die auch die “unumstößlichen Gesetze” hinterfragt haben, um neue Erkenntnisse zu erhalten. Viele dieser Erkenntnisse führten über die Anatomie und die Biomechanik, aber auch über den Blick auf die Pferde, deren Äußerlichkeit, ihren Anmut, ihren Stolz, der Blick in die Augen der Pferde. Die Reiterei vieler Epochen hatte nicht nur die Kunst auf dem Rücken der Pferde ausgetragen, sondern das Ziel war es den Stolz dieser Tiere zu bewahren, ihn zu fördern und das bei möglichst langer Gesundheit.

Wer sich auf diesen Weg begibt und die “Richtigkeit” der Thesen und Lehren anhand seines Pferdes bemisst ohne die Richtigkeit durch das “Nachsprechen” der Thesen zu beweisen, der ist auf dem richtigen Weg.

Für jeden Reiter, jedes Pferd wurden viele Möglichkeiten aufgezeigt, aber die Natur der Pferde, ihr Körperbau, die Anatomie und Biomechanik ist die Grundlage auf der jede These standhalten muss. Dabei DARFST DU ausdrücklich die Lehren hinterfragen und auch zuwiderhandeln. Niemand muss nach “einem einzigen” System reiten.

Sicherlich finden sich sogar große Teile in einer der “Schutz bietenden” Tempel der Reitlehrenvielfalt, denn mir ist klar, dass die meisten von uns einen “Rahmen” benötigen und jemand der sie betreut, sprich einem Reitlehrer, Ausbilder.

Sicherlich sollte sich niemand ohne Pferdeerfahrung auf den Weg machen und dann “Reitlehren Hopping” betreiben, denn eine solide Grundausbildung “des Reiters” ist nicht nur sinvoll sondern Voraussetzung. Gleiches gilt für das Pferd.

Jedes Pferd ist anders, so wie es jeder Reiter ist – man muss seinen Weg finden und sein System finden, sinnvollerweise wird man dabei unterstützt von einem Reitlehrer/-Ausbilder, der nicht mit dem Parteibuch in der Hand, sich der “Phrasenreiterei” bemächtigt, sondern “echte” Lösungen für das eigene Pferd und sich selbst als Reiter parat hat.

Selbstverständlich ist kaum jemand in der Lage “auf eigene Faust ein Pferd und sich selbst auszubilden, ohne gute und vor allem leider auch schlechte Erfahrungen zu sammeln. Wir alle Lernen aus Fehlern. Das Rad wird man nicht neu erfinden, das ist klar – denn wie eingangs erwähnt sind wir heute “weniger Reiter”, als je zuvor, denn wir verbringen zwar viele Stunden mit unseren Pferden, sind aber nicht mehr mit Leib und Leben auf diese angewiesen. Wir fahren mit dem Auto zum Stall, holen unser Pferd von der Weide, dem Paddock, putzen ein wenig, Reiten ein wenig und stellen es wieder weg. Die wenigsten von uns müssen ihr Leben mit und auf dem Pferd verbringen, ihren Lebensunterhalt damit verdienen und noch wichtiger – so gut wie niemand muss darauf sein Leben verteidigen. Das ist auch gut so.

Fatalerweise wird immer mit einer gewissen “Verachtung” auf die Vergangenheit gewiesen (ohne sich wirklich mit ihr beschäftigt zu haben). Wie bei der stillen Post wurde ein Horrorszenario zusammengesetzt, über das Reiten des Mittelalters, der Renaissance, des Barocks: Jene Reiter konnten im Spaltsitz sitzend nicht reiten, alle Pferde wurden misshandelt, Kandaren sind Folterwerkzeuge gewesen und das Pferd nur Gebrauchsgegenstand. Viele Irrtümer und Unwahrheiten, wie sich bei genauerem Studium der alten Schriften herausstellt.

Natürlich war die Welt unserer Vorfahren kein Vergnügungspark und eine kriegerische Auseinandersetzung war sicherlich kein Zuckerschlecken. Wer aber glaubt, dass man ein Pferd, das man vollkommen unterdrückt und mit Gewalt zur Leistung peitschen wolle, sein Leben anvertrauen könnte, dass man mit schlechtem Reiten sein Leben im Sattel verteidigen könnte, dem sei gesagt, dem ist absolut nicht so – im Gegenteil, nur gute Reiter auf verlässlichen Pferden, konnten in jenen Zeiten bestehen. Wer sich sich der Lektüre der alten Meister “unvoreingenommen” nähert wird merken, dass viele der Horrorszenarien nicht standhalten, dass das “feine Reiten” ein Ziel vieler, wenn nicht der meisten war, und das verteufelte Reitequipment der Renaissance oftmals ganz anders angewandt wurde, als es uns die Neuzeit weismachen möchte – Unwissen paart sich da mit dem “Selbstschutz” der eigenen Lehre.

Von daher lohnt der Blick in die Geschichte: Welche Wege wurden beschritten?… und noch viel wichtiger, welche “funktionieren” für mein Pferd?

Der Blick auf die Anatomie, die Biomechanik, aber auch auf die Psyche unserer Pferde sollte uns die Messlatte legen, für unseren Weg.

Alle jene die sich in ihrem Tempel gut aufgehoben fühlen, werden mir nun nickend zustimmen – denn ihre Lehre berücksichtigt ja ALLE(!) diese Faktoren, schließlich ist es “die einzig wahre, reine Lehre”, und “klassisch” obendrein noch dazu. Was bitte kann denn besser sein als “klassisch” ? Nur ihre Lehre hält schliesslich das Pferd gesund. Ist es nicht so? 😉

Ich freue mich für Euch, daß ihr den “sicheren Hafen” gefunden habt. Zumindest so lange, bis Euch die Pferde den Weg zur nächsten Station weisen.

All jene die ich nachdenklich gestimmt habe, wünsche ich eine erkenntnisreiche Reise. Ich hoffe auf mehr “Offenheit” und mehr wirklich konstruktive Kritik, nicht um zum Gegenangriff auszuholen, sondern um sich “auszutauschen”. Das Reiten muss eine Reise zu Wahrheiten, zu Spaß, Gesundheit und Wissen werden.

Dies ist kein Aufruf zur Rebellion, dies ist keine Anschuldigung, dass diese oder jene Lehre in ihrer “Komplettheit” schlecht ist und nicht eventuell sogar “in großen Teilen” sehr sinnvoll sein könnte. Aber der totalitäre Dogmatismus ist ein sich mir nicht nachzuvollziehender Stereotyp, der sich in der Reiterei manifestiert hat. Er versperrt vielen Leuten den Weg zum “denkenden” Reiter, von dem so viel die Rede ist, der aber nur akzeptiert wird, wenn er “im Sinne der eigenen Lehre denkt”.

Schafft man die Lossagung vom totalitären Gehorsam und öffnet man sich den Gedanken der Reitkunstgeschichte, bemerkt man, wie sich neue Wege auftun. Dabei muss man nicht “sein System” verraten – man muss sich nur gesund kritisch mit den vielen Lösungswegen auseinandersetzen.

Es ist toll auf Leute zu treffen, die in wenigen Stunden den eigenen Horizont der Reiterei “erweitern” können, ohne im Mikrokosmos eines einzigen Buches zu bleiben.

Ich freue mich immer auf den interessanten Austausch zur Widerlegung von purer “Phrasenreiterei” (aller Läger), der Suche nach Erkenntnissen und Wahrheiten, die sich biomechanisch belegen lassen und anatomischen Fakten. Meist entsteht daraus dann eine “Synergie der Reitlehren”, man erkennt Gemeinsamkeiten und Vorteile anderer Ansätze.

Habt den Mut und schaut Euch um, hört hin, lest viel, macht Euch schlau – nicht um “zu antworten”, nicht um “in den Kampf” zu ziehen, sondern, um “dazuzulernen”.

Selbstverständlich ist dies kein Aufruf zum “Reitlehren-Hopping” und dem virtuellen Kunstgriff in das Potpourri der Reitanweisungen. Reiten “lernen” ist ein langer Prozess – den es nicht im “Drive in – to go” gibt.

Die besten Lehrer und “Beweise” für erfolgreiche gute Reiterei sind die Pferde – schaut in die Augen, schaut auf die Gebäude und nicht an die Wände mit den Urkunden und Pokalen.

Ein Pferd was nicht schöner durch die Reiterei wird, deren Augen nicht voller Stolz sind, widerlegt sämtliche Theorien.

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